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Ratgeber für Eltern · Schutz & Gefahren

Ein Fremder schreibt meinem Kind: Was Eltern jetzt tun sollten

Ihr Kind zeigt Ihnen Nachrichten von jemandem, den es nicht kennt, oder Sie entdecken sie selbst. Das ist beunruhigend, aber Sie können jetzt viel richtig machen. Hier finden Sie die Schritte in der richtigen Reihenfolge, die Hilfsnummern und das, was danach wichtig ist.

Grundschulmax-RedaktionStand November 2026 · 5 Min. Lesezeit · mit Quellen

Zuerst: Ruhe bewahren und Ihr Kind entlasten

Wenn Ihr Kind Ihnen die Nachrichten selbst gezeigt hat, ist das bereits das Wichtigste, was es tun konnte. Sagen Sie ihm das ausdrücklich: Es hat richtig gehandelt, und es ist nicht schuld, egal was es vorher geschrieben oder geschickt hat. Täter gehen planvoll vor und nutzen genau die Gutgläubigkeit, die Kinder in diesem Alter haben.

Vermeiden Sie in diesem Moment Vorwürfe und spontane Strafen wie ein Handyverbot. Kinder, die für ihre Offenheit bestraft werden, erzählen beim nächsten Mal oft nichts mehr. Das Gerät brauchen Sie ohnehin noch unverändert, denn darauf liegen die Beweise.

Wie häufig solche Kontakte sind, zeigt eine repräsentative Befragung der Landesanstalt für Medien NRW aus dem Jahr 2026: 19 Prozent der 8- bis 17-Jährigen haben Cybergrooming erlebt, also die gezielte Kontaktanbahnung durch Erwachsene mit sexuellen Absichten. 11 Prozent wurden über das Internet zu Verabredungen aufgefordert, 10 Prozent sollten Bilder schicken 1. Sie sind mit dieser Situation also nicht allein.

Woran Sie erkennen, ob es ernst ist

Nicht jede Nachricht von Unbekannten ist gefährlich. Manchmal schreibt tatsächlich ein anderes Kind aus einem Spiel. Die Polizei nennt typische Muster, die auf Cybergrooming hindeuten 2:

  • Die Person gibt sich als gleichaltrig aus, bleibt aber anonym oder nutzt ein auffällig leeres Profil.
  • Sie baut sehr schnell Vertrauen auf, macht viele Komplimente und zeigt außergewöhnliches Verständnis.
  • Sie möchte vom Spiel-Chat in einen privaten Messenger oder Videochat wechseln oder fragt nach der Handynummer.
  • Sie verspricht Geschenke, Geld oder Vorteile im Spiel, etwa Spielwährung.
  • Sie bittet um Fotos oder Videos, anfangs oft harmlos, später zunehmend persönlich.
  • Sie verlangt Geheimhaltung oder übt Druck aus, zum Beispiel mit dem Ende der „Freundschaft“ oder mit Drohungen.

Schon ein oder zwei dieser Punkte reichen, um die folgenden Schritte ernst zu nehmen. Mehr Hintergrund zu den Mustern finden Sie in unserem Ratgeber Cybergrooming erkennen.

Die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge

1. Nicht antworten und nicht konfrontieren

Schreiben Sie der Person nicht selbst und geben Sie sich nicht als Ihr Kind aus. Eine Konfrontation warnt den Täter, der dann Spuren löscht oder sein Profil wechselt. Ermittlungen sind Sache der Polizei.

2. Beweise sichern, bevor Sie blockieren

Die Polizei rät, den Chat erst zu verlassen, wenn die Beweise gesichert sind 2. Sichern Sie auf dem Gerät Ihres Kindes:

  • Screenshots des gesamten Verlaufs, auf denen Profilname, Datum und Uhrzeit zu sehen sind,
  • das Profil der Person mit Nutzernamen und, falls sichtbar, der Profil-ID oder dem Link,
  • den Namen der App oder des Spiels und wann der Kontakt begonnen hat.

Wichtige Ausnahme: Enthält der Chat Nacktbilder oder sexuelle Darstellungen von Kindern, dürfen Sie diese weder speichern noch weiterleiten oder abfotografieren, auch nicht als Beweis. Besitz und Verbreitung solcher Inhalte sind strafbar 3. Lassen Sie das Gerät dann unverändert und bringen Sie es zur Polizei. Was zu tun ist, wenn Ihr Kind selbst ein Foto verschickt hat, erklären wir in Kind hat ein Foto verschickt.

3. Anzeige erstatten

Wenden Sie sich an die örtliche Polizeidienststelle oder die Onlinewache Ihres Bundeslandes. Schon das gezielte Einwirken auf ein Kind unter 14 Jahren, um es zu sexuellen Handlungen oder zu Aufnahmen zu bringen, ist nach § 176b Strafgesetzbuch strafbar, auch wenn es nie zu einem Treffen kommt 4. Wurde bereits ein Treffen vereinbart oder ist Ihr Kind in akuter Gefahr, rufen Sie sofort den Notruf 110.

4. Blockieren und melden

Blockieren Sie den Kontakt und melden Sie das Profil bei der Plattform, idealerweise nach Rücksprache mit der Polizei 2. Strafbare oder jugendgefährdende Inhalte im Netz können Sie zusätzlich kostenlos bei jugendschutz.net melden 5.

5. Hilfe für Sie und Ihr Kind holen

Sie müssen das nicht allein sortieren. Diese Angebote sind kostenlos und anonym 6:

AngebotNummerFür wen
Elterntelefon (Nummer gegen Kummer)0800 111 0 550Eltern, werktags erreichbar
Kinder- und Jugendtelefon (Nummer gegen Kummer)116 111Ihr Kind selbst, Mo bis Sa 14 bis 20 Uhr
Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch0800 22 55 530Betroffene, Angehörige, Fachkräfte
Polizei-Notruf110bei akuter Gefahr

Achten Sie in den folgenden Wochen darauf, wie es Ihrem Kind geht. Schlafprobleme, Rückzug oder Angst vor dem Handy sind nachvollziehbare Reaktionen. Wenn sie anhalten, kann eine Beratungsstelle oder psychologische Unterstützung sinnvoll sein 2.

Checkliste für den Ernstfall

  • Kind loben, dass es sich anvertraut hat, keine Vorwürfe
  • Nicht antworten, nicht als Kind ausgeben
  • Screenshots mit Profilname, Datum und Uhrzeit auf dem Gerät des Kindes
  • Nacktbilder niemals speichern, weiterleiten oder abfotografieren
  • Anzeige bei der Polizei oder Onlinewache, bei Gefahr 110
  • Kontakt blockieren und bei der Plattform melden
  • Elterntelefon 0800 111 0 550 oder Beratungsstelle nutzen
  • In den nächsten Wochen bewusst nachfragen, wie es Ihrem Kind geht

Vorbeugen: Was Ihr Kind selbst können sollte

Technische Einstellungen helfen, sie ersetzen aber nicht das, was im entscheidenden Moment zählt: dass Ihr Kind eine verdächtige Nachricht selbst erkennt und weiß, was es tun soll. Diese vier Punkte sollte jedes Kind ab dem ersten eigenen Gerät verinnerlicht haben:

  1. Online-Freunde sind Fremde, solange man sie nicht im echten Leben kennt, auch wenn sie nett sind und dasselbe Spiel mögen.
  2. Keine privaten Daten: kein voller Name, keine Adresse, keine Schule, keine Handynummer, keine Fotos.
  3. Geheimnisse mit Online-Kontakten sind ein Alarmzeichen. Wer verlangt, dass die Eltern nichts erfahren, meint es nicht gut.
  4. Zeigen ist nie Petzen. Ihr Kind darf jede komische Nachricht zeigen und bekommt dafür keinen Ärger.

Ergänzend lohnt sich ein Blick auf die Einstellungen: Viele Spiele erlauben es, Chats auf Freunde zu beschränken oder ganz abzuschalten. Wie das geht, steht in unseren Ratgebern zu Roblox, Fortnite und zur Kindersicherung. Eine Übersicht aller Grundregeln finden Sie unter Kind sicher im Internet.

Der entscheidende Unterschied liegt im Üben. Ein Kind, das schon mehrmals eine verdächtige Chat-Situation durchgespielt und selbst entschieden hat, reagiert im Ernstfall schneller als ein Kind, das die Regel nur einmal gehört hat. Genau dafür haben wir den Internet-Führerschein entwickelt: Ihr Kind übt an echten Szenen aus Spiel-Chats und Messengern, entscheidet selbst und bekommt sofort erklärt, warum. Jeder Tag beginnt mit einer Wiederholung, am Ende stehen ein Abschlusstest und eine Urkunde.

Häufige Fragen

Soll ich dem Fremden selbst schreiben und ihn zur Rede stellen?

Nein. Eine Konfrontation warnt den Täter, der dann Spuren beseitigen kann. Sichern Sie die Beweise und überlassen Sie den Kontakt der Polizei.

Darf ich Screenshots vom Chat machen?

Ja, Screenshots des Chatverlaufs mit Profilname, Datum und Uhrzeit sind sinnvoll. Nacktbilder oder sexuelle Darstellungen von Kindern dürfen Sie jedoch nicht speichern, weiterleiten oder abfotografieren, sondern bringen das Gerät unverändert zur Polizei.

Ist es überhaupt strafbar, wenn noch nichts passiert ist?

Ja. Nach § 176b StGB ist schon das gezielte Einwirken auf ein Kind unter 14 Jahren strafbar, wenn es zu sexuellen Handlungen oder Aufnahmen gebracht werden soll. Ein Treffen muss dafür nicht stattgefunden haben.

Wo bekomme ich als Elternteil Rat?

Beim Elterntelefon der Nummer gegen Kummer unter 0800 111 0 550 oder beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch unter 0800 22 55 530, beide kostenlos und anonym.

Soll ich meinem Kind jetzt das Handy wegnehmen?

Als Strafe ist das nicht hilfreich, weil Ihr Kind sich beim nächsten Mal sonst womöglich nicht mehr anvertraut. Sinnvoller sind gemeinsame Regeln, passende Einstellungen und Übung, wie es selbst reagiert.

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