Zuerst: Ruhe bewahren und Ihr Kind entlasten
Wenn Ihr Kind Ihnen die Nachrichten selbst gezeigt hat, ist das bereits das Wichtigste, was es tun konnte. Sagen Sie ihm das ausdrücklich: Es hat richtig gehandelt, und es ist nicht schuld, egal was es vorher geschrieben oder geschickt hat. Täter gehen planvoll vor und nutzen genau die Gutgläubigkeit, die Kinder in diesem Alter haben.
Vermeiden Sie in diesem Moment Vorwürfe und spontane Strafen wie ein Handyverbot. Kinder, die für ihre Offenheit bestraft werden, erzählen beim nächsten Mal oft nichts mehr. Das Gerät brauchen Sie ohnehin noch unverändert, denn darauf liegen die Beweise.
Wie häufig solche Kontakte sind, zeigt eine repräsentative Befragung der Landesanstalt für Medien NRW aus dem Jahr 2026: 19 Prozent der 8- bis 17-Jährigen haben Cybergrooming erlebt, also die gezielte Kontaktanbahnung durch Erwachsene mit sexuellen Absichten. 11 Prozent wurden über das Internet zu Verabredungen aufgefordert, 10 Prozent sollten Bilder schicken 1. Sie sind mit dieser Situation also nicht allein.
Woran Sie erkennen, ob es ernst ist
Nicht jede Nachricht von Unbekannten ist gefährlich. Manchmal schreibt tatsächlich ein anderes Kind aus einem Spiel. Die Polizei nennt typische Muster, die auf Cybergrooming hindeuten 2:
- Die Person gibt sich als gleichaltrig aus, bleibt aber anonym oder nutzt ein auffällig leeres Profil.
- Sie baut sehr schnell Vertrauen auf, macht viele Komplimente und zeigt außergewöhnliches Verständnis.
- Sie möchte vom Spiel-Chat in einen privaten Messenger oder Videochat wechseln oder fragt nach der Handynummer.
- Sie verspricht Geschenke, Geld oder Vorteile im Spiel, etwa Spielwährung.
- Sie bittet um Fotos oder Videos, anfangs oft harmlos, später zunehmend persönlich.
- Sie verlangt Geheimhaltung oder übt Druck aus, zum Beispiel mit dem Ende der „Freundschaft“ oder mit Drohungen.
Schon ein oder zwei dieser Punkte reichen, um die folgenden Schritte ernst zu nehmen. Mehr Hintergrund zu den Mustern finden Sie in unserem Ratgeber Cybergrooming erkennen.
Die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge
1. Nicht antworten und nicht konfrontieren
Schreiben Sie der Person nicht selbst und geben Sie sich nicht als Ihr Kind aus. Eine Konfrontation warnt den Täter, der dann Spuren löscht oder sein Profil wechselt. Ermittlungen sind Sache der Polizei.
2. Beweise sichern, bevor Sie blockieren
Die Polizei rät, den Chat erst zu verlassen, wenn die Beweise gesichert sind 2. Sichern Sie auf dem Gerät Ihres Kindes:
- Screenshots des gesamten Verlaufs, auf denen Profilname, Datum und Uhrzeit zu sehen sind,
- das Profil der Person mit Nutzernamen und, falls sichtbar, der Profil-ID oder dem Link,
- den Namen der App oder des Spiels und wann der Kontakt begonnen hat.
Wichtige Ausnahme: Enthält der Chat Nacktbilder oder sexuelle Darstellungen von Kindern, dürfen Sie diese weder speichern noch weiterleiten oder abfotografieren, auch nicht als Beweis. Besitz und Verbreitung solcher Inhalte sind strafbar 3. Lassen Sie das Gerät dann unverändert und bringen Sie es zur Polizei. Was zu tun ist, wenn Ihr Kind selbst ein Foto verschickt hat, erklären wir in Kind hat ein Foto verschickt.
3. Anzeige erstatten
Wenden Sie sich an die örtliche Polizeidienststelle oder die Onlinewache Ihres Bundeslandes. Schon das gezielte Einwirken auf ein Kind unter 14 Jahren, um es zu sexuellen Handlungen oder zu Aufnahmen zu bringen, ist nach § 176b Strafgesetzbuch strafbar, auch wenn es nie zu einem Treffen kommt 4. Wurde bereits ein Treffen vereinbart oder ist Ihr Kind in akuter Gefahr, rufen Sie sofort den Notruf 110.
4. Blockieren und melden
Blockieren Sie den Kontakt und melden Sie das Profil bei der Plattform, idealerweise nach Rücksprache mit der Polizei 2. Strafbare oder jugendgefährdende Inhalte im Netz können Sie zusätzlich kostenlos bei jugendschutz.net melden 5.
5. Hilfe für Sie und Ihr Kind holen
Sie müssen das nicht allein sortieren. Diese Angebote sind kostenlos und anonym 6:
| Angebot | Nummer | Für wen |
|---|---|---|
| Elterntelefon (Nummer gegen Kummer) | 0800 111 0 550 | Eltern, werktags erreichbar |
| Kinder- und Jugendtelefon (Nummer gegen Kummer) | 116 111 | Ihr Kind selbst, Mo bis Sa 14 bis 20 Uhr |
| Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch | 0800 22 55 530 | Betroffene, Angehörige, Fachkräfte |
| Polizei-Notruf | 110 | bei akuter Gefahr |
Achten Sie in den folgenden Wochen darauf, wie es Ihrem Kind geht. Schlafprobleme, Rückzug oder Angst vor dem Handy sind nachvollziehbare Reaktionen. Wenn sie anhalten, kann eine Beratungsstelle oder psychologische Unterstützung sinnvoll sein 2.
Checkliste für den Ernstfall
- Kind loben, dass es sich anvertraut hat, keine Vorwürfe
- Nicht antworten, nicht als Kind ausgeben
- Screenshots mit Profilname, Datum und Uhrzeit auf dem Gerät des Kindes
- Nacktbilder niemals speichern, weiterleiten oder abfotografieren
- Anzeige bei der Polizei oder Onlinewache, bei Gefahr 110
- Kontakt blockieren und bei der Plattform melden
- Elterntelefon 0800 111 0 550 oder Beratungsstelle nutzen
- In den nächsten Wochen bewusst nachfragen, wie es Ihrem Kind geht
Vorbeugen: Was Ihr Kind selbst können sollte
Technische Einstellungen helfen, sie ersetzen aber nicht das, was im entscheidenden Moment zählt: dass Ihr Kind eine verdächtige Nachricht selbst erkennt und weiß, was es tun soll. Diese vier Punkte sollte jedes Kind ab dem ersten eigenen Gerät verinnerlicht haben:
- Online-Freunde sind Fremde, solange man sie nicht im echten Leben kennt, auch wenn sie nett sind und dasselbe Spiel mögen.
- Keine privaten Daten: kein voller Name, keine Adresse, keine Schule, keine Handynummer, keine Fotos.
- Geheimnisse mit Online-Kontakten sind ein Alarmzeichen. Wer verlangt, dass die Eltern nichts erfahren, meint es nicht gut.
- Zeigen ist nie Petzen. Ihr Kind darf jede komische Nachricht zeigen und bekommt dafür keinen Ärger.
Ergänzend lohnt sich ein Blick auf die Einstellungen: Viele Spiele erlauben es, Chats auf Freunde zu beschränken oder ganz abzuschalten. Wie das geht, steht in unseren Ratgebern zu Roblox, Fortnite und zur Kindersicherung. Eine Übersicht aller Grundregeln finden Sie unter Kind sicher im Internet.
Der entscheidende Unterschied liegt im Üben. Ein Kind, das schon mehrmals eine verdächtige Chat-Situation durchgespielt und selbst entschieden hat, reagiert im Ernstfall schneller als ein Kind, das die Regel nur einmal gehört hat. Genau dafür haben wir den Internet-Führerschein entwickelt: Ihr Kind übt an echten Szenen aus Spiel-Chats und Messengern, entscheidet selbst und bekommt sofort erklärt, warum. Jeder Tag beginnt mit einer Wiederholung, am Ende stehen ein Abschlusstest und eine Urkunde.